Potlatch: Krieg mit Geschenken

Schenken zeigt sich als typisch menschliche Eigenschaft, weswegen viele Gesellschaften entsprechende Traditionen kennen.

potlatch- krieg mit geschenken, greetfactory

An der nordwestlichen Pazifikküste feierten Indianer dazu das Potlatch. Jenes ursprünglich freundschaftliche Fest entartete ab dem 19. Jahrhundert jedoch zu regelrechten Wettbewerben mit dem Ziel, Konkurrenten durch zahlreichere Geschenke zu übertrumpfen. So brachten sich einige Stammesgruppen gar an den Rand des finanziellen Ruins – ein Wettrüsten der generösen Art.

U.S.-amerikanischen Regierungsvertretern missfiel diese Entwicklung, sodass sie Potlatches Ende des 19. Jahrhunderts verboten. In Kanada verschwanden entsprechende Gesetzgebungen erst 1951 – etwas zu spät für Häuptling Dan Cranmer: 1922 ging jener großzügige Chief zügig hinter Gitter, weil er ein „kleines“ Potlatch feierte – über sechs Tage.

Erwähnten wir seine 300 Gäste? Die 100 Decken – pro Gast? Nebenbei streute jener renommierte Häuptling der Kwakwaka’wakws 1.000 Säcke Mehl unter das Volk; und Bargeld: in Bündeln, versteht sich; und ein Motorboot (eigentlich waren es mehrere). (Hawker, Tales of Ghosts, 2003)

Jedenfalls erschien dem weißen Westen jener Chief Cranmer danach restlos ruiniert – aber glücklich: Schließlich heißt „Potlatch“ „schenken“ in der Sprache der Chinook als indigenen Einwohnern des nordwestlichen Amerikas.

Traditionell zelebrieren Stämme ihre Potlatches im Winter: Immerhin freuen sich dann alle Beschenkten doppelt über warme Decken – auch über weniger als 100 pro kalte Nase. Daher tarnten Häuptlinge ihre Potlatches gerne als gesetzestreue Weihnachtsfeiern.
Christliche Bescheidenheit wirft jedoch nicht mit Außenbordern um sich, weswegen Cranmer künftige Potlatch-Tarnungen im kanadischen Kittchen optimierte – sie fanden nun zunehmend im Untergrund statt.

Seiner Zufriedenheit schadeten Kost und Logis auf Staatskosten dabei nicht: Seine Gäste und deren Nachfahren zollen ihm und seinen Ahnen schließlich höchsten Respekt auf ewig nach seinem frohen Fest.

Geschenke beim Potlatch, greetfactory

Auf ihren persönlichen Potlatches verteilten Häuptlinge oft den Besitz ihres ganzen Lebens in wenigen Stunden. Allerdings ruinierten sich jene dann mittellosen Häuptlinge dabei nicht: Ihr enorm vermehrtes Ansehen bei ihren sozialen Kontakten sicherte ihre Existenz.

Dieser Statusgewinn beglückte jedes reiche Stammesmitglied, das sein Potlatch ausrichtete. Nebenbei verteilte sich Besitz so innerhalb von Stämmen, was das soziale Gleichgewicht stärkte: kanadischer Kommunismus a la Chinook & Co. Da sich die zahllosen Güter für jene Geschenkeorgien über Dekaden ansammeln mussten, rechtfertigten nur besondere und daher selten stattfindende Ereignisse Potlatches, wie z.B. runde Geburtstage hochstehender Stammesmitglieder.

Aus dem Osten kamen später jedoch nicht Kommunismus, sondern Columbus, Krieg und Kapitalismus. So verdienten Stammesangehörige zunehmend Geld und zeigten sich mit ihrem Ersparten Banken gegenüber kreditwürdig.

Obendrein vernebelten legendäre Goldräusche junge Köpfe, die manchmal über Nacht spürbar reicher wurden. Der Umgang mit Geld und sein Verständnis als rein materielles Tauschmittel war ihnen noch fremd: Loyalität ließ sich damit nicht erkaufen; es ließ sich auch nicht essen oder trinken, wenn durch seine Anhäufung eben diese Ressourcen vernichtet wurden.

Potlatch: Geschenke Fest der Indianer

Gleichzeitig starben erfahrene Ältere in Kriegen gegen Weiße, während nachrückende Häuptlinge Geld statt Tradition als Wert begriffen. Statt Geburtstagskarten und Gemeinschaftssinn reizten also Gold und Glanz, was jene neuen Häuptlingsgenerationen ihren Stämmen vorlebten.

Damit strebten selbst ärmere Stammesmitglieder persönliche Potlatches an. Zugleich übertrumpften sich junge Häuptlinge mit exorbitanten Geschenken, was letztlich ihre Stämme gegeneinander antreten ließ – wozu Banken gerne Geld gaben.

Danach standen jedoch nicht mehr nur einzelne Stammesangehörige mittellos da die von ihrem Stamm gestützt werden konnten, sondern ganze Stämme stürzten sich in den Ruin. Gewinnerstämmen ging es dabei oft kaum besser, weil sie sich für ihren Sieg ebenfalls verschuldeten.

Natürlich konnte ein Stamm seine Güter mit Verlust verkaufen, um leichter seiner Misere zu entkommen. Konnte er? Zunächst ja, später nein – zuletzt zeigte sich Zerstörung als Ziel der Zeremonie: Wer sich leisten konnte, seine teuren Geschenke zu vernichten, genoss mehr Ansehen, als jemand, der nur teure Geschenke machte.

Entsprechende Gesetze wirkten diesem Potlatch-Powerplay schließlich entgegen.

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1 Antwort

  1. 20. Dezember 2014

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